Abhängig. Beschäftigt.

Grundkurs Mathematik, Prüfungsfrage: Wie erhalte ich über den Einsatz von Grundrechenarten ein nicht zu unterschätzendes logistisches Problem? Ganz einfach, man nehme den Basiswert Düsseldorf, addiere eine fiese Erkältung, ein gesundes Kind und eine meldepflichtig-grippal-infektiöse Kindesmutter und teile diese Faktoren durch zwei Termine und ein Abendessen in Hamburg.

Alles, was hier in den nächsten Zeilen niedergeschrieben ist, hat sich genau so, oder zumindest so ähnlich, zugetragen. #schwöre #realityitis #blankerwahnsinn

Es ist viertel vor Sieben und der Wecker klingelt, mein Kopf brummt noch immer. Seit Tagen und Wochen schleppen wir uns von einer Erkältung zur nächsten. Während der Rest unserer Familie wenigstens vollständig ausgeknockt war und zu Teilen noch immer ist, gestaltet sich das „Kranksein“ für mich dieses Jahr in Form eines mittelschweren Schnupfens. Schlimm genug, dass einem morgens vor lauter Schleim der Kiefer schmerzt, aber zu leicht um einfach im Bett zu bleiben.

Völlig verstrahlt schleppe ich mich ins Bad. Auf dem Weg dorthin greife ich nach Nasenspray, Ibuprofen und einer Banane, die ich mir als wenig romantischen Dreiklang beim pinkeln verabreiche, während das Badezimmerlicht meine ohnehin gebeutelten Augen zusammenquetscht wie zwei vertrocknete Datteln.

Nach dem völlig effektfreien Duschen stehe ich so müde wie vorher im Wohnzimmer und bin gerade dabei mein Kapitalisten-Kostüm anzulegen, als ich von links dumpf angehustet werde und von rechts ein lauter Schrei auf meine Ohrmuschel prallt. Die Schallwellen wandern in mein Gehirn und klatschen dort mit der Wucht zweier Atlantikwellen aufeinander. Dabei sterben vermutlich jedes Mal in etwa so viele Zellen ab wie bei einem Kopfball, mit dem man unfreiwillig einen Freistoß von Roberto Carlos abgewehrt hat.

Die erste Stresswelle rollt an. Schnell schnell, dem Kind einen lauwarmen Kakao serviert und der Frau das Antibiotikum gereicht, danach folgt die winterliche und in höchstem Maße von professioneller Diplomatie geprägte Anziehprozedur von Junior. Würde er bei Game of Thrones mitspielen, er wäre wohl der Zwiebelritter, denn anders kann man die nicht enden wollende Schicht aus Schals, Strumpfhosen, Mützen, Handschuhen, Pullovern wohl nicht bezeichnen. Scheiss Winter. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir eigentlich schon weg sein sollten.

Da meine Frau es gerade vom Bett in die Küche und wieder zurück schafft konnten wir mit viel Liebe unsere Tagesmutter überreden, uns das Baby heute ausnahmsweise nach Hause zu liefern und am Nachmittag übernimmt dann eine mindestens eben so liebe Freundin den Dienst. Klar, ich hätte die Termine auch absagen können, aber kriegen Sie mal einen Termin beim Personalleiter eines internationalen Konzerns für Konsumgüter. Fast Moving gilt da nicht nur für die Produkte. Von daher tue ich gut daran, hier nicht zu schwächeln, die Termine durchzuziehen und hier morgen früh wieder auf der Matte zu stehen.

Wir sind mittlerweile auf dem Fahrrad, das Kind wurde mit einem eierschalenartigen Helm garniert und ich rutsche mit meinen Ledersohlen alle 3 Meter von den verdammten Metallpedalen ab. So quält sich mein eigenartig zweckentfremdetes Fixie den kleinen Hügel in Richtung Flingern hinauf und le petit Monsieur feuert mich an jeder Ampel mit einem freudigen „auf die Plätze, fertig, LOOOOS!“ weiter an. Iimmerhin einer hat hier Spaß – was mich wiederum auch ein bisschen freut.

Kaum ist der Zwiebelritter gelandet und entpackt ( ne ZIP-File ist nix dagegen) , mache ich mich mit den ersten Schweißperlen auf der Stirn auf dem Rückweg. In Gedanken gehe ich den Tag nochmal durch: Um 9.30 in die Bahn, um 14:00 den ersten Termin, um 17:00 den zweiten, danach zum Abendessen mit einem weiteren potentiellen Kunden, all das mit einem einzementierten Grinsen und bis zum Anschlag gedopt mit dem, was der Medikamentenschrank so hergibt. Rückfahrt mit dem letzten Zug um 22:46, Ankunft in Düsseldorf um 2:35, 5 Stunden später KiTa-Dienst. Zum Glück ist morgen Home Office angesagt.

In Lichtgeschwindigkeit zurück, schnell das Fahrrad zuhause abstellen, Tasche greifen, O-Saft kippen. Hab ich alles parat? Laptop, Handys, Schuhe, Kopf? Auf den Todeskuss der Mutter aller Influenza-Viren verzichte ich heute vorsichtshalber  ( lieb Dich trotzdem!) In 12 Minuten fährt die Bahn, das sollte machbar sein.

Auf dem Weg zum Bahnhof krame ich in meinen viel zu tiefen Taschen nach meinen Kopfhörern, kann sie aber unter einem Berg von Rotzfahnen nicht direkt finden, was die ersten Risse in meiner Halsschlagader verursacht. Andere Tasche auch Fehlanzeige. Innentasche? Ah, in der Laptoptasche. Nicht in diesem Fach. In diesem auch nicht. Vielleicht doch im Jackett? ALTER!!! Ah, hier!

Schnell die Knöpfe in den Kopf. Ohne Mucke geht jetzt einfach gar nix mehr. Der Tag ist kaum 2 Stunden alt und es stehen noch 17 Stunden auf der Uhr, bis ich wieder Zuhause bin. Als ich um die Ecke biege und auf den Hauptbahnhof zulaufe sieht man zum ersten Mal die Sonne, immerhin.

Der Himmel bricht langsam auf und strammen Schrittes marschiere ich auf den Hauptbahnhof zu. Im Spiegel einer Bürofassade sehe ich etwas, was mir gefällt. Mein Anzug sitzt perfekt und mit meinem Bart und der Hipsterfrise seh ich irgendwie lässig aus. Mein Gang wird immer dynamischer und ja, da hat mich doch eben auch die erste hübsche Frau gecheckt. Alle Ampeln stellen auf grün, der Weg ist frei. Wird besser langsam.

Der Beat setzt ein und ich betrete den Hauptbahnhof, vor mir Hunderte von Menschen und ich habe noch 2 Minuten, aber der Stress ist wie weggefegt. Die Power der Musik sammelt sich mit jeder Snare Drum in meinem Bauch, jeder Kick lädt meinen Akku für diesen bis eben noch grausam anmutenden Tag, staut sich immer weiter auf, während ich den langen Weg bis zum Gleis 17 mit kräftigen, aber gleichzeitig gemessenen Schritten hinabschreite. Ich muss niemandem ausweichen und meine durchaus strammen Schultern wiegen elegant hin und her. Alle machen mir Platz, Frauen schauen mir nach, tuscheln und ich kann förmlich spüren, wie gern sie mich mit Ihren Blicken ausziehen würden. Typen wechseln ehrfürchtig die Fahrbahn, Ihre schlaffen Körper haben mir nichts entgegenzusetzen. Ihr seid die Spinning Jenny, ich bin die Industry 4.0, ich der Tornado, ihr der Campingplatz.

Der Synthesizer stellt meine zerebralen Strukturen auf Reset und ich überlege kurz, ob es angemessen wäre auf dem Weg in die Schlacht noch schnell mein wehendes Banner zu hissen, als sich in einem wundervollen Moment eine Druckwelle purer Energie aus meiner bis zum Anschlag gespannten Brust in den Bahnhof entlädt. Wie bei einer Explosion schlägt die unsichtbare Welle eine Schneise in den Ameisenhaufen, die Ladies halten Ihre Röcke fest, Blusenknöpfe werden weggerissen und die Damen schauen mich ängstlich, aber zugleich wohlwollend und lüstern an, während Sie hektisch mit Ihren zerzausten Haaren kämpfen. Den wichtigen Herren platzen derweil die Nähte Ihrer Funktionsjacken, den nicht so wichtigen Herren platzen die Displays Ihrer Smartphones, einige Basecaps, rahmenlose Brillen und Dunkin‘ Donuts Tüten wehen durch die Luft. Die Neonröhren im ganzen Bahnhof flackern stroboskopartig und ab sofort besteht nicht einmal der leiseste Zweifel daran, dass der heutige Tag ein guter Tag sein wird.

Nein, ich werde euch nicht verraten, mit welchem Track all dies möglich ist. Bevor Ihr wieder den ganzen Tag Kästchen auf eurem Desktop zieht oder das Leonardo Di Caprio Oscar Game spielt, tut etwas Sinnvolles und findet Ihn selber, euren eigenen magischen Song! Heißer Tipp: Mit Coldplay wird dat nix. Hatte ich erwähnt, dass sich all dies GENAU SO – oder zumindest so in etwa – zugetragen hat?

Na gut. Ausnahmsweise. PLAY.IT.LOUD.

Song des Tages: Glitch Mob – Drive it like you stole it

Holzfällen

Es ist 6.44. Das weiss ich so genau, weil die Bahn, die eigentlich um 6.39 fährt, delayed today by about 5 minutes ist. Es ist stockfinster, es regnet und die Bahn schafft es ganz offensichtlich nicht einmal zu nachtschlafener Zeit auch nur einen einzigen Zug pünktlich fahren zu lassen.

Was mache ich eigentlich hier am Bahnhof? Ich hole meinen Laptop aus dem Büro. Mein Kind ist krank und als pflichtbewusster Vater verbringe ich den Tag Zuhause. Als pflichtbewusster Arbeitnehmer will ich dabei natürlich versuchen, zumindest ein bisschen was das Nötigste wegzuschaffen.

Nachdem ich also die Nacht auf dem Fußboden neben dem Bett des tapferen Kriegers „kleiner Husten“ verbracht habe stehe ich nun am Düsseldorfer Hauptbahnhof, und es erklingt folgende Kakophonie:

„Meine Damen und Herren, am Gleis 16 fährt ein: RE 1 – über Düsseldorf Hauptbahnhof – nach Aachen“.

Eine Sekunde später:

„Meine Damen und Herren, am Gleis 16 fährt ein: ICE 1625 nach Wien Hauptbahnhof, heute etwa 35 Minuten später. Ladies and Gentleman, on track 16, now arriving: ICE 1615 to Wien Main Station, delayed today by about 35 minutes“.

Weiter gehts:

„Meine Damen und Herren, am Gleis 15 fährt ein: RE 1 – über Düsseldorf Hauptbahnhof – nach Aachen. Ladies and Gentlemen, on track 15, now arriving: RE 1 – via Düsseldorf Main Station – to Aachen Main Station.

Keine Sorge, reicht noch nicht:

„Meine Damen und Herren an Gleis 16, Ihre nächsten Anschlüsse: RE 1 – über Düsseldorf Hauptbahnhof – nach Aachen. Heute ca. 5 Minuten später. Heute von – Gleis 15 – direkt gegenüber. Ladies and Gentlemen, your next opportunities: on track 15, now arriving: RE 1 – via Düsseldorf Main Station – to Aachen Main Station. Delayed today by about 5 minutes, directly opposite“.

Wer jetzt denkt, das wäre es gewesen, hat sich geschnitten:

„Meine Damen und Herren, an Gleis 15 fährt ein: RE 1 – über Düsseldorf Hauptbahnhof – nach Aachen Hauptbahnhof. Heute ca. 5 Minuten später. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!“

Passiert nix. Grelles Licht zerstört derweil meine Netzhaut.

„Meine Damen und Herren, an Gleis 15 fährt ein: RE 1 – über Düsseldorf Hauptbahnhof – nach Aachen Hauptbahnhof. Heute ca. 5 Minuten später. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!“

In der Ferne erscheinen die Lichter des Zugwagens. Wer sich bisher nicht in einem auf grausame Art Realität gewordenen Auszug Thomas Berhard’scher Literaturkunst wähnte, wird nun – durch eine live hinzugeschaltete Stimme – final eines besseren belehrt:

„Juten Morgen meene Damen und Herrn, auf Gleis Fuffzehn hält nun Einfacht det RE 1 vom Düsseldorrff nach Aachen Haupbahnhof, heute etwa 5 Minuten später. Ladies and Schentelmänn, nau erraiving RE Wan weia Düsseldorrff Hauptbahnhof (sic!) to Aachen Main Station. Der RE 1 fährt heute abweichend auf Gleis Fuffzehn“.

Zwei Sekunden später:

„Juten Morgen meene Damen und Herrn, auf Gleis Fuffzehn hält nun Einfacht det RE 1 vom Düsseldorrff nach Aachen Haupbahnhof, heute etwa 5 Minuten später. Ladies and Schentelmänn, nau erraiving RE Wan weia Düsseldorrff Hauptbahnhof (sic!) to Aachen Main Station. Der RE 1 fährt heute abweichend auf Gleis Fuffzehn“.

Schweigend sitze ich in meinem Ohrensessel. So in etwa stellte ich mir bis gerade eben noch Guantanamo vor. Grelles Licht, blanker Stein, Kaltluftzufuhr und Dauerbeschallung mit wirren Stimmen sowie ein nicht zu unterschätzender Haufen inkompetenter Menschen in Uniform, die einzig zu dem Zwecke beschäftigt werden, einem auf den Sack zu gehen. Links neben mir wird geschimpft, man müsse schon längst auf dem Weg nach Köln sein, rechter Hand müsste man schon in Benrath sein und generell muss diese Welt wohl ein schlechter Ort, wenn nicht gar der Hölle insgesamt sehr nahe sein.

So, einsteigen. Jetzt kann ja nicht mehr viel schiefgehen. Doch wie beschwört es ein Freund von mir immer wieder? Singe nicht, bevor Du heimgeritten bist. Wieder einmal hatte man die Rechnung ohne die Pappkameraden der DB gemacht. Ich wette meine Bahncard, dass nichtmal die Halligbahn Dagebüll es schafft auf einer 22-minütigen Fahrt nochmal eine Verspätung von über 20 Minuten rauszufahren. Nein, das ist ein exklusives Rüdiger-Grube-„ich mach alle Pendler fertig“-Alleinstellungsmerkmal.

In Köln Mülheim angekommen bleiben mir also anstatt der avisierten 40 nur etwa 20 Minuten vom Bahnhof zur Schanzenstraße ins Büro und wieder zurück. Ist natürlich so gut wie unmöglich und nach 35 Minuten wieder am Bahnhof angekommen denke ich noch so: Kacke, 25 Minuten warten bis der nächste Zug kommt. Aber auch diese Rechnung hatte ich wohl – klassischer Anfängerfehler – ohne die Bahn gemacht.

Während ich missmutig die Treppen in Richtung Gleis 3 nach oben stapfte machte sich ein vertrautes Grollen bemerkbar, ganz typisch für einen einfahrenden Zug. Siehe da, Verspätungen funktionieren offenbar in beide Richtungen.Wäre ich von selber nicht drauf gekommen.

Ein frischer RE, satte 30 Minuten zu spät, hält direkt vor meiner Nase und öffnet mir wie von Zauberhand die Türe des Mehrzweckabteils. Wartezeit: Nullkommanull Mikrosekunden. „Prima, so schaffe ich es bei den Auerspergers zum Frühstück“, denke ich und falle in meinen Sitz. In diesem Moment betritt ein als Schaffner verkleideter Gerhard Lampersberg das Abteil und raunt mich schroff an:

„Sie sind ein total einsamer Mensch, ganz ehrlich, fast wie ein ausgestoßener Mensch. Ihre Reaktionen auf Ihr Umfeld, alles, was Sie schreiben, sind die eines Ausgestoßenen. Ich bin das Gegenteil. Ich bin mittendrin. Ich find‘ das wahnsinnig komisch, in Wirklichkeit muss ich eh nur lachen. Die Fahrkarten bitte.

Diesen Eintrag beenden möchte ich mit den weisen Worten der langenscheidt’schen Jugendwort des Jahres – Jury: #läuftbemir.

Song des Tages:

Wittgensteins Neffe – You can dance

Imzugserscheinungen – ein Gastbeitrag!

Es gibt Entzugserscheinungen, kennen wir alle sonntagmorgens. Schlimm. Ich habe immer wieder Imzugserscheinungen, wochentags. Symptome sind Krampfanfälle, begleitet von Halluzinationen und Tourette-artigem Verbalausfall, Kopfschmerzen (besonders da, wo die Hand auf meine Stirn trifft) und Störungen meiner Impulskontrolle (da, wo die Hand auf seine Stirn trifft).

Der Spiegel schreibt, es gebe immer mehr Gewalt gegen Kontrolleure. Gewalt ist nie gut und das meine ich satirefrei. Aber manchmal kann der nicht demokratiekonforme Teil in meinem Bauch sich das echt gut vorstellen. Und zwar immer seltener bei KontrolleurInnen, die in meinem Fall fast immer okay sind, sondern gegen meine lieben Mitreisenden.

Folgende vier Archetypen meiner eigenen Spezies gebe ich hiermit zum Aussterben frei:

  1. „Der Wichtige“

Reisemotto: Work hard, nerv hard!

Warnsignale: Der Handgepäckformatsamsonite in metallic grau, frischer Designerhaarschnitt, Technik in allen derzeit marktüblichen Varianten

Das Telefonat hallt durch den ganzen Zug, 60% der Wörter sind Englisch und der Rest grammatikalisch falsch. Er nimmt den Vierersitz mit Tisch, wobei der Tisch nur für ihn ist, und krallt sich souverän die Steckdose zwischen den Sitzen. Um ihn herum ein Maschendrahtzaun aus Kabeln, Kopfhörern und Ladegeräten, fein gespickt mit seinen zwei Handyziegeln und zahlreichen USB-Sticks.

  1. „Die genervte Mutter“

Reisemotto: Deutschland ist kinderfeindlich – ich heute auch!

Warnsignale: Der Mickeymausrucksack in schwarzrot, leicht herablassend-mildes Lächeln, Malstifte und Holzspielzeug

Heinrich-Luzian soll das nicht machen. Das auch nicht. Das auch nicht. Das auch nicht. Er soll doch lieber was malen, mit den tollen Holzmalstiften. Nein, das nicht. Das auch nicht, das auch nicht. Heinrich-Luzian bekommt in Pauspapier eingewickelte Bananenchips von Alnatura und dazu einen naturtrüben Apfelsaft aus der Glasflasche, wegen dem PET. Und mit Heinrich-Luzian muss man permanent sprechen, im Plural Mamastatis („Wollen wir was zeichnen?“).

  1. „Die militant Alternative“

Reisemotto: Bahnfahren ist eine ökologische und gesellschaftliche Verpflichtung.

Warnsignale: Der peruanische Leinenbeutel in Erdfarben, leicht ungepflegte Haare, variable Tupperboxen mit Gemüse drin

Demonstratives Auspacken der mitgebrachten (nicht gekauften! Plastik! Konsum! Weltuntergang!) Nahrungsmittel, meist knackige Karotten, die man in 70 Dezibel kauen kann und Knäckebrot zum Nebensitzer-einstauben. Dazu ein Buch über den „Aufstieg der ManagerInnen“ mit Bibliothekssticker dran, Collegeblock mit selbstgemalten Kulikritzeleien dazu.

  1. „Die Mitteilungsbedürftige“

Reisemotto: Und dann hab ich ihr gesagt…

Warnsignale: Der zwanzig Jahre alte Stoffrucksack mit kaputtel Reißverschluss in knallvoll, die irgendwie unpassende Brille, die wortreiche Frage nach dem freien Sitzplatz

Das hat ja auch die Hilda gesagt und das schreiben alle Journalisten, aber die Regierung will nicht, dass [Verschwörungstheorie]. War ja auch in den 90ern so, bei diesem Churchill, als der im Krieg war mit den Afrikanern. Aber das will ja keiner wissen (!an dieser Stelle würde jeder selbstreflektierte Mensch inne halten!) und deswegen geht das alles so weiter, wie es ist. Deswegen macht sie jetzt [Reiki, Chakrenyoga, Fernstudium], man muss sich auf das persönliche Glück konzentrieren, man muss ja auch freundlich sein zu den Menschen, das beachten ja gerade die Großkonzerne nicht…. [random Text].

Die Liste kann beliebig ergänzt werden, ich höre immer gerne Erweiterungen. Aber über die Jahre haben diese vier Sorten Reisegepäck mich immer öfter dazu veranlasst, den Sitzplatz zu wechseln – auch hier gilt: Vorbeugen ist besser als heilen!

Song des Tages: Mos Def – Travellin‘ Man

Muh! – machte der Tiger!

Jeder kennt es, jeder macht es, keiner mag es. So in etwa lässt sich das Thema Bewerbung recht kompakt zusammenfassen. Ein nicht zu unterschätzender Balanceakt zwischen unüberheblicher Selbstvermarktung, Vortäuschung nicht vorhandener Kompetenzen – wer hat sich nicht schon einmal nach „una cervaza por favor“ eigenmächtig „erweiterte“ Spanischkenntnisse zugesprochen? – und einer erwachsenen Aufgeräumtheit, die suggeriert: Den hier, den brauchen wir. Da ja aber heute jeder um der eigenen Karriere Willen ständig den Beruf wechselt und sowieso alles irgendwie Start-Up und in Bewegung ist, muss man sich aber auch irgendwie von der breiten Masse abheben. Hier springt uns die auch schon vielfach verhandelte Individualität entgegen, die dann doch mal wieder zum Zuge kommt.

Das Schreiben an sich wird ja heute vermehrt als ein kreativ-sprachlicher Ansatz verstanden. Wie auch sonst wäre zu erklären dass Deutschland erstickt in Seminaren und Anleitungen, wie wirklich jeder seine kreative Seite am einfachsten zu Tage fördert und diese gewinnbringend für sich nutzt. Schon nach sehr, sehr kurzer Recherche liefert beispielsweise die Brigitte (sic!) 16 einfache Übungen, die den Orhan Pamuk in uns zum Vorschein bringen sollen werden. Auf den darauf folgenden einschlägigen Coaching-Seiten finden sich so putzige Beschreibungen wie „die eigene Kreativität wachkitzeln“, „mit Buchstaben jonglieren“ oder “ in die Welt der Worte eintauchen“. Hach, wie nett!

Nun würde man doch vermuten, dass man, wenn man auf einmal selbst einen bezahlten Job zu vergeben hat – und das auch noch in einer kreativen Branche – die Bewerbungen vor Individualität nur so strotzen würden und zumindest ein minimaler formaler Rahmen eingehalten werden würde. Momentan suche ich nämlich einen Illustratox ( danke, Lann Hornscheidt! ) für ein Kinderbuch, das ich aktuell schreibe ( Yap, das ist Werbung! )

Fleissig verteilte ich in den letzten Tagen Flyer und Aushänge in der Kunstakademie, der Universität und dem Internet ( alles ist Start-Up, auch ich). Es sollte nicht lang dauern, da flatterten tatsächlich die ersten Bewerbungen herein und ich fiel vor Glück zunächst beinahe in Ohnmacht.

Schon nach den ersten drei Kandidaten war allerdings klar: So wird das nix. Was hatte ich erwartet? Syntax? Eine Anrede? Austausch? Initiative? Überraschungen? Alles Fehlanzeige. Kommunikation am Existenzminimum, so sieht die bittere Wahrheit aus. Der eine sendete mir vollkommen kommentarlos einige Zeichnungen, eine andere verzichtete komplett auf Satzzeichen ( Avantgardismus??). Der Einzeiler „Yo, ich glaube wir könnten das rocken o_O“ war eine interessante Herangehensweise, genauso wie die „prinzipiell interessant, ich zeichne aber ausschließlich schwarz-weiß“ Information eines weiteren Aspiranten.

Letzterer hatte wohl das heute zugegeben schon recht verbreitete Prinzip von Kenneth Goldsmith etwas zu wörtlich genommen und meinen Aushang nur „geskimmt“ ( „bisschen“ doof bei nur 5 Sätzen). Skimming, schlägt Goldsmith vor, sei eine probate Methode dem Überfluss an Text in unserer heutigen Welt Herr zu werden. Lesen heiße heute Nichtlesen, sei mehr ein Überfliegen, Filtern, Aussortieren – Überschrift und fertig. Kenneth Goldsmith, der in seiner Kunst auch gern mal Wetterberichte transkribiert und somit als Ikone des „uncreative writing“ gilt, steht aber auch für eine kritische Haltung gegenüber dem Humanismus und der damit einhergehenden Idee, jeder könne sein kreatives Potential entfesseln. Da die heute erfolgreichen Geschichten einem strengen Formalismus folgten und somit doch nur die Wiederholung eines Immergleichen und schon Bekannten darstellen, seien die Potentiale hier erschöpft.

Nichtsdestotrotz besteht Grund zur Hoffnung, denn schenkt man der Forschung einen kleinen Teil seines nutzlos in der Ecke lungernden Glaubens, differenziert sich die Sprache durch die umfassende digitale Kommunikation immer weiter aus. Wir sind heute in der Lage, mühelos in verschiedenen Sprachmustern zu kommunizieren, von komplexen Sachverhalten bis hin zur einsilbigen Chatkommunikation, alles ist drin. Entscheidend ist dabei auch immer das Umfeld, in dem wir uns gerade bewegen, so Beate Henn-Memmesheimer.

Schlussendlich eine sehr interessante Erfahrung. Bleibt zu hoffen, dass Kinderbücher sich auch in Zukunft einer gewissen Beliebtheit erfreuen und die kleinen Würmer in der ersten Klasse nicht damit beginnen, den Räuber Hotzenplotz zu skimmen und beim Wechsel aufs Gymnasium dann in der Bewerbung steht: Hallo Herr Müller, ich glaube wir könnten das rocken o_O…

PS: Am Ende des Tages bin ich fündig geworden! Juniemond, ich freu mich! Sehr!

Maumaus

Song des Tages: Jackson 5 – ABC

Die Mauer muss weg! ( Mittendrin – und nicht dabei )

Es klang wie ein heilsames Verspechen: „Du musst uuuuuuunbedingt kommen!“ – „Du darfst da auf keinen Fall fehlen!“ – „Das wird so super, wäre wirklich schade wenn Du da nicht dabei bist…“ Soviel unerwarteten Zuspruch erfährt man wahrhaftig nur in wenigen Momenten seines Lebens. Spontan fallen mir da eigentlich nur zwei Termine ein: Die eigene Geburt und die jährliche Weihnachtsfeier der eigenen Company.

Es ist Freitagnachmittag und ich sitze im Kreise der Kollegen mit einem Bier in der Hand im Büro. Eigentlich hatte ich schon vor Wochen abgesagt, aber jetzt juckt es mich natürlich doch, den zum einen liebe ich Parties, zum zweiten muss ich ja uuuuuuuuunbedingt kommen. „Super Ben, das wird n Kracher, später gehen wir alle noch in die Mauer!“…Nun ja, spätestens hier hätte ich es besser wissen müssen.

Also denn, schnell nach Hause, umziehen, liebevoll die kleine Kleinfamilie verarzten und dann ab ans Rheinufer, wir feiern nämlich auf einem Boot. Die Party ist nett, es wird getrunken und gelacht, man spricht hier, quatscht dort. Eine ganz normale Weihnachtsfeier eben.

Weihnachtsfeiern generell sind ja so eine Sache. Das jährliche Zusammentreffen aller Einheiten ist in der Regel – und das gilt wirklich für jede Firma – ein willkommener Anlass um a) zuviel zu trinken, b) mit dem / der Vorgesetzten anzubandeln c) streng geheime Informationen zu gewinnen oder d) sich zu irgendeiner anderweitigen Peinlichkeit hinreißen zu lassen.

Man begibt sich also auf wahrhaft dünnes Eis an so einem Abend, denn an so ziemlich jedem Stehtisch lauert nicht nur in Form von Sauce Bernaise schon die nächste Hürde und wartet nur darauf, gerissen zu werden. Hindernisfehler, vier Strafpunkte. Interessanterweise – und das ist von diversen Teilnehmern anderer Weihnachtsfeiern exakt so bestätigt worden – finden sich auf derlei Veranstaltungen immer wieder bestimmte Typen von Menschen wieder, die ich gern kurz skizzieren möchte, wobei natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht. Auch die Geschlechterbilder sind rein zufällig gewählt.

Der Pflichtteilnehmer:

Sitzt bedächtig und noch immer im Bürooutfit in einer Ecke. Mit hoher  Wahrscheinlichkeithasst er Feiern und/oder seine Kollegen und ist nur hier, weil sein Boss ihn dazu gezwungen hat.Artig nippt er an seiner Cola und erklärt jedem, das sei nur so, weil er ja noch fahren müsse. Irgendwann ist er dann nicht mehr da, Houdini nennt man das. Oder polnischen Abgang, ein Learning von Freitag. Kompensationsdruck: -2 von 10, mag lieber über politisch unterdrückte Gruppierungen in Tibet diskutieren, statt hier zu feiern.

Der Single ( männlich ):

Landet in der Hoffnung, heute endlich irgendeine der Kolleginnen abzuschleppen auf der Party. Ist um 10 schon voll für drei , tanzt ausgelassen und mit hoffnungsfrohen Gesten übers Parkett ( Musik egal ). Interpretiert die bloße Anwesenheit jeder attraktiven Frau im Radius von 5 Metern um sein Epizentrum als definitve Anmache. Endet in der Regel allein an der Bar. Kompensationsdruck: 4 von 10, ist ohnehin jede Woche am Start.

Der Single ( weiblich ):

Landet in der Hoffnung, heute endlich den einen total schnuckeligen Kollegen abzuschleppen, der aber von ihrem Interesse keinerlei Kenntnis besitzt. Denn immer wenn er guckt, guckt sie ganz schnell weg, und das nicht nur heute. Zum Ausgleich ist sie völlig overdressed, tanzt um 10 „total ausgelassen“ allein auf der Tanzfläche ( das verrückte Huhn!! ) und stürzt mit irgendeinem Typen ab, der morgens um 3 noch halbwegs gerade gucken kann. Kompensationsdruck 6 von 10, schon wegen des Aufwands!

Die Head Of’s:

Halten sich bewusst zurück und haben vorher ihre Mitarbeiter gebrieft, sich doch bitte wenigstens dieses Jahr zu benehmen. Sehen das Event als Networking-Veranstaltung und suchen gezielt die Nähe zur höheren Ebene. Bei gutem Wein und Zigarre produziert man sich nach Kräften und laboriert über den schwierigen Markt, strategische Entwicklungen und – natürlich – die aktuellen Fußballergebnisse oder das nächste ökonomisch potente Urlaubsziel. Verschwinden wie der Pflichteilnehmer, verabschieden sich aber vorher publikumswirksam und mit viel Tamtam per kumpelhaftem Handshake beim CEO. Kompensationsdruck: 0 von 10, dafür aber Geltungsbedürfnis wie Kim Kardashian.

Der Kompensierer:

Überall herrscht Druck. Und der muss jetzt raus. Die Gelegenheiten dazu sind rar gesät im Leben des Kompensierers und so kanalisieren sich alle Erwartungen auf ein hedonistisch-expeditives Leben in diesem einem Moment und verdichten sich zu… Ja, zu was eigentlich? Zu einem eruptiven Mix aus Wein, Weib (und Gesang, könnte man sagen. Gekämpft wird an allen Fronten, und das bis zum letzten Moment. Musik egal, Getränk egal, alles egal! Sing Hallejuja!!! Kompensationsdruck: 11 von 10.

Hat man all das halbwegs unversehrt überstanden und noch immer Lust, mit den lieben Kollegen weiterzuziehen, dann wird der Abend – zumindest in Düsseldorf – zu einem abruptem Ende gebracht, wenn man sich auf den Weg in die Altstadt macht. Mit einer Sozialisierung irgendwo zwischen Berlin Techno, Chilly Gonzales und dem Wu Tang Clan kann das Überleben dort besonders schwierig werden.

Zugegeben, ich war noch nie in der Mauer. Ich war mal in einem Brückenpfeiler, dem Golden Gate in Berlin. In der Birne war ich auch, eine kleine Kneipe in meinem im schönen Sauerland gelegenen Heimatort, aber in der Mauer war ich noch nie. Wir stehen in der Schlange und es riecht schon hier oben nach angetrockneter Kotze und Döner, the new fragrance for Altstadtbesucher. Immerhin kommt hier wirklich jeder rein und auch ich hab ordentlich einen sitzen ( Kompensationsdruck als Familienvater: etwa 8 von 10 – schon wegen der vielen WIndeln).

Unten angekommen wünsche ich mir dann, ich wäre lieber doch nicht reingekommen. Meine von Funktion One’s verwöhnten Ohren haben schon nach 3 Minuten Tinnitus, die Garderobe ist noch voller als die meisten Leute hier und der Rest ist…Tja, der Rest ist ein Mix aus Katy Perry, 50 Cent und Christina Aguilera’s „Genie in a bottle“. Alle scheinen sich köstlich zu amüsieren oder wenigstens so betrunken zu sein, dass ihnen ihre Präsenz in diesem gefährlich nah an der Hölle gelegenen Keller zumindest egal ist. Neben mir simuliert eine junge Dame einen epileptischen Anfall zu den Black Eyed Peas, Boom Boom Pow! Time Freeze. Meine Ohren werden stumpf und alles wird zu einem zähen Brei, der sich langsam um meinen Kopf verteilt. Wie eine von diesen kratzigen Kindemützen, wo lediglich das Gesicht rausguckt ( „Generation Y“- Insider!!)

Mein Stadium des Beobachters zweiter Ordnung wird jäh von einem Bärtchenträger unterbrochen und ich lande in der knallharten Realität. „Ey was geht?“ fragt Mr. Menjou mich verheißungsvoll, ich wende die Schweigetechnik an. „Dat is hier n speziella Laden, da musste einfach noch wat trinken und dich drauf einlassen, vastehste!?“ Offenbar hat meine Körpersprache mich verraten, in vino veritas gilt also auch für Gliedmaße. Das Vögelchen wippt auf und ab wie Sarkozy, wenn er aufgeregt ist, aber ich bleibe standhaft. „Naja, bist wohl ziemlich dicht, wa? Na denn ma noch viel Spaß!“, grunzt mich das Männlein an. In nur 5 Minuten bin auch ich zum Pflichtteilnehmer verkommen, sitze irgendwie am Rand und warte auf eine Gelegenheit für nen klammheimlichen Abgang. Jetzt! Christina singt: Come, come, come on and let me out!

Song des Tages: SOHN – Lessons